Florian Wirtz gilt in Fußballfachkreisen als eines der größten Talente, die Deutschland je hervorgebracht hat. Technik, Spielintelligenz und Abschlussqualität in dieser Kombination sind selten. Nach Jahren herausragender Leistungen in der Bundesliga bei Bayer 04 Leverkusen scheint der Offensivspieler dieser entwachsen zu sein. Der nächste Schritt ist folgerichtig. Der naheliegende Wechsel zu den Bayern? Abgelehnt. Wirtz entscheidet sich bewusst für die Insel.
Als der gebürtige Rheinländer im vergangenen Sommer für umgerechnet 125 Millionen Euro zum FC Liverpool wechselt, herrscht Einigkeit: Der 22-Jährige soll die Premier League im Sturm erobern. Liverpools Ziel ist klar – die Titelverteidigung und damit der dritte Meistertitel in sieben Jahren. Unterstützt werden soll dieses Vorhaben durch weitere prominente Neuzugänge in der Offensive wie Hugo Ekitiké und Alexander Isak. Insgesamt investiert der Klub fast eine halbe Milliarde Euro in neues Personal. Was soll da schon schiefgehen?
Erste Fußstapfen, erste Urteile
Sein Pflichtspieldebüt für die Reds feiert Wirtz am 15. August 2025 beim Heimspiel gegen Bournemouth. Liverpool gewinnt mit 4:2, Wirtz steht 82 Minuten auf seiner bevorzugten Zehnerposition auf dem Platz. Seine ersten Scorerpunkte sammelt der Deutsche in der Champions League: Beim 5:1-Auswärtssieg in Frankfurt steuert er zwei Vorlagen bei. In der Liga jedoch bleibt seine Wirkung zunächst überschaubar.
Das ruft Kritik hervor – nicht nur in England. Dietmar Hamann, einst selbst Spieler des FC Liverpool, urteilt im Dezember hart:
„Die Tatsache, dass er es nicht schafft, war für mich ausgeschlossen. Aber wir haben jetzt Weihnachten und er hat in über 20 Spielen kein Tor erzielt. Wenn du mich heute fragst, ob er es schafft, tendiere ich zu Nein.“
Auch Gary Neville spart nicht mit drastischen Worten. Wirtz wirke wie „ein kleiner Junge da draußen“. Aussagen, die man über den deutschen Ausnahmefußballer bislang nicht kannte – weil er dafür schlicht keinen Anlass gegeben hatte.
Der Fluch der guten Tat
Die Erwartungshaltung ist enorm. Wer über 100 Millionen Euro kostet, muss sofort liefern – so lautet die gängige Logik. Doch woher kommt diese Überzeugung? Fakt ist: Wirtz ist ein junger Mensch, der sein gewohntes Umfeld verlässt, um sportlich den nächsten Schritt zu gehen. Im heutigen Fußballgeschäft allerdings existiert kaum noch Geduld. Anpassungszeit? Luxus.
Das Preisschild hat sich Wirtz nicht selbst umgehängt. Ein längst entgrenzter Markt zwingt Klubs dazu, Summen zu zahlen, die jenseits jeder Relation liegen. Was für Vereine Wertschätzung bedeutet, wird für Spieler schnell zur Belastung. An diesem Druck sind bereits namhafte Profis gescheitert – gerade in der Premier League. Namen wie Jack Grealish, Mykhailo Mudryk oder Antony stehen sinnbildlich dafür.
„Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“
Ein Zitat, das Konrad Adenauer zugeschrieben wird – und den öffentlichen Diskurs um Florian Wirtz kaum treffender beschreiben könnte.
Nach Treffern gegen Wolverhampton Wanderers und den FC Fulham drehte sich die Stimmung binnen Tagen. Dieselben Medien, die ihn zuvor noch infrage stellten, schwärmten plötzlich:
„Der Deutsche begeisterte das Publikum mit wunderschönen Ballaktionen.“
In den sozialen Medien ist Wirtz nun der Held der Massen – selbstverständlich nur so lange, wie die Zahlen stimmen.
Ein Spieler, unzählige Meinungen, Millionen selbsternannter Experten. Wirtz polarisiert – das ist normal. Doch die Verhältnismäßigkeit ist längst verloren gegangen.
Quo vadis, Florian Wirtz?
Für ein abschließendes Urteil ist es zu früh. Eins ist klar: Luft nach oben ist vorhanden – doch Fußball lässt sich nicht allein in Zahlen pressen.
Das Zusammenspiel mit den Mitspielern wird besser, Wirtz wirkt längst nicht mehr wie ein Fremdkörper im System von Arne Slot. Die Premier League ist schneller, robuster, intensiver als die Bundesliga. Auch deutsche Vorgänger wie Michael Ballack, Lukas Podolski oder Mesut Özil mussten diese Erfahrung machen – und starteten dennoch Weltkarrieren.
DENGOATZ meint:
Ablösesumme hin oder her – Florian Wirtz braucht Zeit.
Es verbietet sich, einen Spieler dieses Kalibers frühzeitig als Fehleinkauf abzustempeln. Genauso falsch ist es, ihn nach wenigen starken Auftritten in den Himmel zu heben. Wirtz wird sich in Liverpool beweisen. Schritt für Schritt. Und er wird auch auf der Insel zum Topspieler reifen.
Wir sagen: Normale Kartoffeln auf die Eins. 🐐 Florian Wirtz wird die Premier League erobern – wie es vor ihm kein deutscher Spieler geschafft hat.

