Zinédine Zidane und die Last der großen Erwartungen

Am vergangenen Freitag begann eine neue Ära für die französische Fußballnationalmannschaft und für Zinédine Zidane die wohl emotionalste Aufgabe seiner Trainerkarriere. Der 54-Jährige saß erstmals als Nationaltrainer der französischen Auswahl auf der Bank sitzen. Gegner zum Auftakt der Nations League 2026/27 war die Türkei. Die Équipe Tricolore setzte sich dank eines Treffers von Superstar Kylian Mbappé in der 54. Minute mit 1:0 durch.Nach 14 Jahren Didier Deschamps stand dabei erstmals wieder ein anderer Trainer an der Seitenlinie der Franzosen. Für Zidane schließt sich gleichzeitig ein Kreis: Der Mann, der als Spieler zum Symbol des französischen Fußballs wurde, übernimmt nun die Verantwortung für dessen wichtigste Mannschaft.

„Ich empfinde eine immense Emotion“, sagte Zidane am Donnerstag vor seinem Debüt. Auf die Frage, ob der Moment mit seinem ersten Spiel als französischer Nationalspieler vor mehr als drei Jahrzehnten vergleichbar sei, antwortete er: „Vielleicht sogar noch mehr.“ Und genau darin liegt bereits ein Teil der besonderen Situation. Zidane muss Frankreich nicht erst von sich überzeugen. Frankreich kennt Zidane. Frankreich verehrt Zidane. Und Frankreich verbindet mit ihm Erinnerungen, die weit über Fußball hinausgehen.

Zidane geht seinen eigenen Weg als Trainer

Als Spieler war Zidane einer der prägenden französischen Sportler seiner Generation. Weltmeister 1998, Europameister 2000, Kapitän und Spielmacher, sein Name steht bis heute für den Moment, in dem Frankreich erstmals Weltmeister wurde. Als Trainer ist sein Vermächtnis kleiner, aber keineswegs unbedeutend. Real Madrid trainierte Zidane zwischen 2016 und 2018 sowie von 2019 bis 2021. Seine Bilanz ist außergewöhnlich: drei Champions-League-Titel in Folge, dazu eine spanische Meisterschaft sowie weitere internationale Trophäen.

Die drei Champions-League-Triumphe sind dabei der Kern seines Trainer-Rufs. Kein Trainer hatte zuvor in der Champions-League-Ära dreimal hintereinander den Titel gewonnen. Und doch ist Zidane als Trainer eine schwer zu greifende Figur. Andere große Trainer seiner Generation werden mit klaren taktischen Konzepten verbunden. Pep Guardiola steht für Positionsspiel und extreme Ballkontrolle, Jürgen Klopp für Gegenpressing und Intensität. Bei Zidane ist die Antwort komplizierter.

Seine große Stärke liegt weniger in einer revolutionären taktischen Idee als in seiner Fähigkeit, eine Mannschaft voller Weltklassespieler zu führen. Diese Eigenschaft muss man Zidane hoch anrechnen. Gerade bei Real Madrid ist sie eine der schwierigsten überhaupt. Cristiano Ronaldo, Sergio Ramos, Toni Kroos und zahlreiche weitere Stars mussten in einem Team zusammengehalten werden. Zidane setzte dabei weniger auf demonstrative Autorität als auf Vertrauen, Ruhe und Kommunikation. Für die französische Nationalmannschaft könnte genau das entscheidend werden, da die Équipe Tricolore über zahlreiche Weltklassespieler verfügt.

Frankreich erwartet mehr als nur Siege

Der Druck in der Öffentlichkeit ist deshalb gewaltig. Frankreich hat in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen, dass es zu den besten Mannschaften der Welt gehört. 2018 wurde die Mannschaft Weltmeister, 2022 erreichte sie erneut das WM-Finale. Beim Turnier 2026 folgte das Aus im Halbfinale gegen Spanien. Zidane hat keine Zeit eine Mannschaft aufzubauen, die irgendwann konkurrenzfähig wird. Diese Mannschaft muss direkt Titel gewinnen.

Deschamps hinterlässt keine zerfallene Mannschaft. Er hinterlässt eine Auswahl voller Qualität und mit einer erfolgreichen jüngeren Vergangenheit. Zidane übernimmt deshalb eine Mannschaft, bei der Fortschritt nicht allein an Ergebnissen gemessen werden dürfte. Von ihm wird auch erwartet, dass er ihr eine neue Identität gibt. Und dabei steht er selbst ständig im Mittelpunkt. Zidane weiß das. „Die Protagonisten sind die Spieler“, sagte er angesichts der enormen Aufmerksamkeit. Er selbst wolle in seiner Rolle bleiben.

Die Aura von „Zizou“

In Frankreich hat Zidane einen Vorteil, den kaum ein anderer Nationaltrainer besitzen würde: Er muss die Kabine nicht erst betreten, um Autorität zu haben. Seine Spieler sind mit seinen Bildern aufgewachsen. Viele kennen ihn als den prägenden Akteur aus der Geschichte des französischen Fußballs, nicht nur als Trainer. Doch genau darin liegt auch die Herausforderung. Seine Aura kann eine Mannschaft zusammenschweißen. Sie kann Respekt schaffen. Sie kann in schwierigen Momenten helfen. Aber sie kann kein Spiel gewinnen. Am Freitagabend gegen die Türkei hat Zidane erstmals erfahren, wie sich diese Realität anfühlt. Der Gegner hat sich nicht von der Geschichte seines Trainers beeindrucken lassen.

Zidane muss kein zweiter Deschamps sein

Der vielleicht wichtigste Punkt seines Amtsantritts ist deshalb, dass Zidane nicht versuchen sollte, Deschamps zu kopieren. Deschamps war über 14 Jahre Tainer einer Mannschaft, die sich vor allem durch Wettbewerbsfähigkeit und eine bemerkenswerte Konstanz auszeichnete. Zidane kommt nun mit dem Anspruch, neue Impulse zu setzen, ohne die funktionierenden Elemente der Vergangenheit zu zerstören. Sein erster Kader deutet genau darauf hin. Neue Spieler werden integriert, Mbappé bleibt Kapitän, und taktisch deutet sich eine Neuordnung an. Gleichzeitig spricht Zidane ausdrücklich von Kontinuität. Es ist also weniger eine Revolution als eine Übergabe.

Deschamps musste seine Mannschaft immer wieder davon überzeugen, dass Disziplin und taktische Anpassung wichtiger sein können als die maximale Entfaltung individueller Fähigkeiten. Zidane übernimmt nun eine Mannschaft, deren größte Stärke gerade in ihrer individuellen Qualität liegt. Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé oder Michael Olise stehen stellvertretend für eine Generation, die Frankreich erneut mit außergewöhnlichem Talent ausstattet. Zidane muss deshalb eine Frage beantworten, die auch seine Zeit bei Real Madrid geprägt hat: Wie viel Freiheit brauchen Weltklassespieler – und wie viel Struktur?

Entwarnung bei Kylian Mbappé

Glück im Unglück für Kylian Mbappé: Der französische Superstar hat sich beim 1:0-Sieg gegen die Türkei am linken Knie verletzt. Mit schmertzverzehrtem Gesicht musste der Topstar vom Feld begleitet werden. Neu-Trainer Zidane sagte nach dem Spiel, dass es „nicht gut aussehen würde“. Man musste mit dem schlimmsten rechnen, doch nun gab es Entwarnung. Real Madrid diagnostizierte lediglich eine Überstreckung der hinteren Gelenkkapsel des linken Knies. Eine längere Ausfallzeit droht nach aktuellem Stand demnach nicht. Mbappé verpasst dennoch die kommenden Nations-League-Spiele Frankreichs.

Die bisherige Karriere von Zinédin Zidane im Überblick

Zeitraum Station Rolle
Spielerkarriere
1987–1992 AS Cannes Spieler
1992–1996 Girondins Bordeaux Spieler
1996–2001 Juventus Turin Spieler
2001–2006 Real Madrid Spieler
Trainerkarriere
2013–2014 Real Madrid Co-Trainer
2014–2016 Real Madrid Castilla Trainer
2016–2018 Real Madrid Trainer
2019–2021 Real Madrid Trainer
seit 2026 Frankreich Nationaltrainer

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