Mit dem gestrigen Spiel im Santiago Bernabéu, machte Bayern-Trainer Vincent Kompany die 100 voll. Die ersten hundert Partien an der Seitenlinie bei einem der größten Vereine der Welt, der nach 25 Jahren mal wieder in Madrid gewinnen konnte. In einem fantastischen Spiel für die Zuschauer, zeigten die Münchner einmal mehr, wie sehr sie die Spielidee von Kompany angenommen und verinnerlicht haben. Zuerst das verrückte Spiel in Freiburg, dann die magische Nacht von Madrid, der Hunger der Bayern scheint unersättlich zu sein.
Beim Auswärtsspiel in Freiburg lag die Mannschaft bis kurz vor Spielende mit 0:2 hinten, kam auf beachtliche Weise zurück und drehte die Begegnung. Wohl kaum ein Fußballfan hätte es der Mannschaft übelnehmen können – im Zuge der bevorstehenden Champions-League-Partie gegen Real – das Spiel schlicht sauber zu Ende zu spielen und Kräfte zu schonen. Anders die Bayern: Durch zwei wunderschöne Fernschusstore von Tom Bischof und dem Last-Minute-Treffer durch Lennart Karl, fuhren die Münchner die nächsten Punkte ein. Obwohl die Meisterschaft quasi entschieden ist, schafft es Kompany immer und immer wieder das Maximale aus der Mannschaft rauszuholen.
Die Bayern lassen nie nach, gehen kein Schritt zu wenig und pressen den Gegner neunzig Minuten über das ganze Feld. Ligaweit hat nur die TSG 1899 Hoffenheim (123,38 km/Spiel) eine bessere Laufleistung vorzuweisen als die Münchner (123,23 km/Spiel). Trotz der enorm intensiven Spielweise verstehen es die Münchner sich immer wieder spielerisch zu lösen und spielen den wohl schönsten Fußball seit der Ära Guardiola. Der gestrige Sieg zählt zu den größten Erfolgen in der Trainerkarriere von Vincent Kompany. Selten ist eine Gastmannschaft so mutig in Madrid aufgetreten und hat das eigene System bis zum Ende durchgezogen. Wer beim Stand von 2:1 im Santiago Bernabéu in der Nachspielzeit die Hausherren in deren Sechzehner mit vier Leuten anläuft und weiterhin eins gegen eins über den ganzen Platz verteidigt, ist entweder schlicht lebensmüde oder folgt dem Trainer zu einhundert Prozent. Nach dem Sieg bei PSG, ist der Erfolg in Madrid ein weiteres Statement an die Konkurrenz – Wer Bayern ausschalten möchte, muss genau diese Bayern schlagen, anpassen werden sich die Münchner nicht.
Kompany versteht den Verein auf allen Ebenen
Als der Verein den ehemaligen Weltklasse-Verteidiger im Juli 2024 als neuen Trainer vorstellte, staunte die große Masse der Öffentlichkeit. Kompany als Nachfolger von Thomas Tuchel, der 2023 mit den Bayern die Meisterschaft gewann, schien im ersten Moment nur der allerletzte Strohhalm zu sein, nachdem die Münchener sich reihenweise Absagen internationaler Top-Trainer einhandelten. Der Belgier war in der Saison zuvor mit dem FC Burnley aus der Premier League abgestiegen und hatte bis dahin gerade einmal fünf Jahre an Trainererfahrung vorzuweisen. Die anfänglichen Zweifel schwangen in kürzester Zeit in Euphorie um, jedoch nicht nur aufgrund der gezeigten Leistungen auf dem Platz.
Die ersten sechs Pflichtspiele unter Vincent Kompany konnten die Bayern allesamt gewinnen. In drei Spielen erzielte man mehr als fünf Tore u.a. beim 9:2 (!) gegen Dinamo Zagreb in der Champions-League. Kompany behielt das 4-2-3-1 System, das seit Jahren beim FC Bayern praktiziert wird, bei. Während die taktische Anordnung unter Vorgänger Tuchel jedoch recht statisch wirkte und der Spielwitz hinter erfolgreichen Ergebnissen des Öfteren auf der Strecke blieb, gelang es dem Belgier von Beginn an eine Symbiose aus attraktivem Kurzpassspiel und positiven Resultaten zu schaffen.
Auch neben dem Platz kommt Kompany seit Amtsantritt blendend zurecht – eine nicht zu unterschätzende Kompetenz, die schon einigen Vorgängern den Job kostete. Trainer des FC Bayern zu sein, geht weit über das Sportliche hinaus. Die tägliche Arbeit mit den Medien und die Beziehung zu den Vorgesetzten stehen ebenfalls auf der zu bewältigenden Agenda. Zusammenfassend könnte man sagen: Der Trainer ist neben positiven Ergebnissen und ansehnlichem Fußball, auch für die Politik und Ruhe innerhalb des Vereins zuständig. Selbstverständlich gilt das auch für andere Profivereine, jedoch nicht in diesem Ausmaß – viel Zeit für Fehler bleibt in München erfahrungsgemäß nicht. Kompany meistert diesen Balanceakt nahezu perfekt, wirkt ruhig und hat vor allem immer eine angemessene Antwort parat.
Die Entwicklung hat gerade erst begonnen
Nach dem 2:1 Erfolg gegen Real Madrid, kann sich die Bilanz von Vincent Kompany durchaus sehen lassen: 76 Siege, 13 Unentschieden und 11 Niederlagen bedeuten einen Schnitt von 2,41 Punkten pro Partie. Der Belgier reiht sich zum aktuellen Zeitpunkt in Sphären von Pep Guardiola (2,52 Punkte pro Spiel) oder Hansi Flick (2,45 Punkte pro Spiel) ein, zwei der erfolgreichsten Trainer in der Geschichte des Vereins. Punkteschnitte sind nicht zu vernachlässigen und haben eine gewisse Aussagekraft, spiegeln jedoch die fußballerische Entwicklung einer Mannschaft nur bedingt wider. So wiesen die Vorgänger Nagelsmann und Tuchel ebenfalls gute Werte auf, konnten die Mannschaft aber nie dauerhaft stabilisieren und eckten nach und nach auch mit den Medien bzw. innerhalb des Vereins an.
Kompany hat es ebenfalls geschafft für eine gute Stimmung in der Kabine zu sorgen. Eine weitere wichtige Fähigkeit für einen Bayern-Trainer, denn die Spieler sitzen schlussendlich immer am längeren Hebel. Wer die Kabine verliert, verliert auf Dauer auch seinen Chefposten. Seit Beginn seiner Amtszeit hört man weder von internen Problemen zwischen Mitspielern noch von unzufriedenen oder wechselwilligen Akteuren. Kompany hält alle Spieler bei Laune und gibt ihnen das Gefühl, wichtig für das große Ganze zu sein. Gerade junge Spieler profitieren enorm von der locker wirkenden Art des Trainers. Aleksandar Pavlović hat sich über die vergangenen Wochen und Monate zu einem Sechser mit internationalem Format entwickelt, Lennart Karl sorgt regelmäßig als Joker für Furore und gilt als ernsthafte Option für den WM-Kader von Julian Nagelsmann. Auch der schleichende Übergang von Manuel Neuer auf Jonas Urbig funktioniert tadellos. Die drei genannten Top-Talente könnten sich über die Jahre zum neuen Gesicht des Vereins entwickeln – Vincent Kompany hätte sicherlich nichts dagegen.
Vincent Kompany: Seine bisherigen Trainerstationen
| Zeitraum | Station |
|---|---|
| 2019 | RSC Anderlecht (Spielertrainer) |
| 2020–2022 | RSC Anderlecht |
| 2022–2024 | FC Burnley |
| seit 2024 | FC Bayern München |


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