Joshua Kimmich ist zurück auf seiner Lieblingsposition. Jürgen Klopp setzt den 31-Jährigen im Mittelfeld ein, dort, wo Kimmich selbst seine größten Stärken sieht. Beim 1:1 gegen die Niederlande und bei der 0:1-Niederlage gegen Griechenland führte er Deutschland als Kapitän aufs Feld und spielte jeweils neben Felix Nmecha im zentralen Mittelfeld vor der Abwehr.
Nach dem Spiel gegen die Niederlande sagte Klopp im Interview, dass Kimmich in bestimmten Situationen „höher stehen“ müsse. Das klingt zunächst nach einer Kleinigkeit. Ist es aber nicht. Denn Kimmichs Positionierung entscheidet inzwischen oft darüber, wie Deutschland überhaupt Fußball spielt.
Doch genau dort liegt eine der spannendsten Fragen für die Zukunft der Nationalmannschaft: Wie viel Kimmich braucht Deutschland? Die Antwort ist nicht: weniger. Deutschland braucht Kimmich. Aber Deutschland braucht nicht jede Aktion von Kimmich.
DENGOATZ analysiert, was Joshua Kimmich künftig anders machen muss.
Der Leader sein, der er längst ist
Eines kann man Joshua Kimmich nicht absprechen: Er geht voran. Kimmich fordert den Ball, egal ob er frei oder ein Mitspieler unter Druck steht. Er zeigt sich hinter der ersten Pressinglinie, bietet sich zwischen den Linien an, dirigiert seine Mitspieler und will das Spiel kontrollieren. Dabei geht es nicht nur um Lautstärke. Seine Führungsrolle entsteht vor allem dadurch, dass er sich permanent in Situationen bringt, in denen etwas passieren kann.
Und das ist zunächst eine Qualität. Ein Mittelfeldspieler, der sich versteckt, kann eine Mannschaft nicht führen. Ein Sechser, der nach einem schlechten Pass nicht wieder den Ball fordert, ebenfalls nicht. Kimmich macht das Gegenteil. Er will den nächsten Ball unbedingt wieder. Das ist einer der Gründe, warum er für Deutschland so wichtig ist.
Weniger Kimmich kann mehr Deutschland bedeuten
Das Problem beginnt dort, wo aus Verantwortung Dauerpräsenz wird. Wenn Kimmich jeden Aufbau an sich zieht, jede Lücke schließen will und möglichst jeden Angriff mitgestaltet, verändert das automatisch die Aufgaben seiner Mitspieler. Aus dem Leader wird dann schnell der Mittelpunkt von fast allem. Und genau diesen Unterschied muss Kimmich künftig noch besser erkennen.
Ein Beispiel dafür ist sein Verhalten im Spielaufbau. Kimmich lässt sich häufig zwischen die Innenverteidiger fallen. Zunächst wirkt das logisch: Deutschland hat einen zusätzlichen Spieler im ersten Aufbau und Kimmich kann das Spiel vor sich lesen. Nur: Was bringt diese Position tatsächlich? Wenn Kimmich zwischen den beiden Innenverteidigern abkippt, stehen plötzlich drei deutsche Spieler auf einer Linie. Gleichzeitig fehlt im zentralen Mittelfeld ein Spieler, der dort den nächsten Pass erhalten kann. Die Innenverteidiger werden dadurch teilweise zu Ballverteilern degradiert, während Kimmich Aufgaben übernimmt, die sie eigentlich selbst lösen könnten.
Dass Kimmich sich immer wieder fallen lässt, ist grundsätzlich nicht komplett falsch. Ein Sechser darf abkippen! Gegen hohes Pressing kann genau das sogar die richtige Lösung sein. Aber sind wir doch mal ehrlich: Wie viele Mannschaften pressen Deutschland über 90 Minuten wirklich hoch?
Die meisten Gegner werden gegen die DFB-Elf eher tiefer verteidigen und Deutschland bewusst den Ball überlassen. Sie wissen, dass die deutsche Mannschaft Probleme bekommen kann, wenn sie gegen einen kompakten Block Lösungen finden muss. Genau deshalb tut sich Deutschland gegen vermeintlich kleinere Gegner oftmals schwerer als gegen Mannschaften, die selbst aktiv nach vorne spielen. Die jüngsten Spiele gegen die Niederlande und Griechenland dienten dabei wieder für perfekte Beispiele.
Gerade gegen einen tiefstehenden Gegner wie Griechenland wäre es deshalb sinnvoller gewesen, wenn Kimmich häufiger höher positioniert gewesen wäre. Genau hier dürfte auch Klopps Gedanke liegen. Denn ein Sechser, der höher steht, bindet einen gegnerischen Mittelfeldspieler. Dadurch entstehen Räume für die Innenverteidiger. Sie können andribbeln, einen vertikalen Pass spielen oder den Gegner auf eine Seite ziehen. Bleibt Kimmich dagegen dauerhaft tief, kann der Gegner seine Position leichter lesen – und Deutschland wird berechenbarer. Das ist vielleicht das größere Problem: Kimmichs Spiel ist teilweise zu gut vorhersehbar.
Ball bei Tah? Kimmich kommt entgegen.
Ball bei Schlotterbeck? Kimmich bietet sich an.
Ball unter Druck? Kimmich fordert ihn.
Ball auf dem Flügel? Kimmich kommt und holt ihn ab.
Das bedeutet nicht, dass Kimmich als Sechser nicht funktioniert. Es bedeutet, dass er diese Position anders interpretieren muss. Er muss nicht weniger, sondern selektiver teilnehmen. Und vielleicht müssen auch seine Mitspieler lernen, ihn nicht permanent als Sicherheitslösung zu benutzen. Denn wenn fünf Spieler wissen: „Im Zweifel gebe ich den Ball zu Jo“, entsteht ein bequemes Muster. Kimmich übernimmt die Verantwortung – die anderen geben einen Teil davon ab.
Eine Nationalmannschaft darf aber nicht davon abhängig sein, dass ein Spieler jede zweite schwierige Situation löst.
Er muss seinen Mitspielern mehr Verantwortung geben.Standards: Muss Jo wirklich alles treten?
Noch ein Punkt fällt auf: Joshua Kimmich möchte bei Standards ebenfalls möglichst viel Kontrolle behalten. Ecken, Freistöße – egal ob zentral, aus dem Halbfeld oder aus größerer Entfernung – Kimmich gehört seit Jahren zu den ersten Ansprechpartnern. Und die Zahlen zeigen, wie groß sein Volumen tatsächlich ist:
In seiner gesamten Karriere kommt Kimmich auf weit über 1.000 geschlagene Ecken. In der Saison 2026/27 liegt Kimmich nach den ersten Spielen bei fünf ausgeführten Ecken pro Partie. Das ist eine enorme Menge in der noch jungen Saison. Joshua Kimmich schlug in der Bundesliga-Saison 2025/26 insgesamt 70 Ecken. Damit gehörte er zu den häufigsten Eckenschützen der Liga. Zwei davon führten direkt zu Toren: Harry Kane gegen Borussia Dortmund und Luis Díaz gegen den FC St. Pauli.
Gleichzeitig lohnt sich bei den direkten Freistößen ein Blick auf die nüchterne Statistik: Transfermarkt führt in Kimmichs Bundesliga-Karriere genau ein Tor nach einem direkten Freistoß. Es fiel 2022 beim 6:1 des FC Bayern bei Eintracht Frankfurt.
Trotzdem führte Kimmich gegen Griechenland in der 53. Minute einen Freistoß aus aussichtsreicher Position aus. Zu seiner Verteidigung: Der Freistoß war gut getreten und wurde stark vom griechischen Schlussmann Tzolakis pariert. Das bedeutet nicht, Kimmich Freistöße grundsätzlich wegzunehmen. Aber es zeigt: Kimmich ist nicht der klassische direkte Freistoßspezialist, bei dem jeder ruhende Ball aus 18 bis 25 Metern automatisch seine Aufgabe sein muss.
Das soll nicht heißen, dass Kimmich seine Standards schlecht sind. Wenn aber ein Spieler nahezu jeden ruhenden Ball übernimmt, muss die Frage erlaubt sein, ob wirklich jede Situation optimal genutzt wird.
Wenn Kimmich dosiert, wird er noch wertvoller
Das Entscheidende ist: Kimmich muss seine Identität nicht verändern. Er muss sie schärfen! Er ist kein Spieler, der plötzlich zum ruhigen Verwalter werden sollte. Das würde einen Teil dessen zerstören, was ihn überhaupt zu einem Führungsspieler gemacht hat. Aber Weltklasse im zentralen Mittelfeld bedeutet nicht, jeden Ball zu wollen. Weltklasse bedeutet zu wissen, welchen Ball man unbedingt haben muss. Wann man abkippt. Wann man stehen bleibt. Wann man das Spiel verlagert. Wann man selbst das Tempo bestimmt. Und wann man einen Mitspieler machen lässt.
Kimmich hat in seiner Karriere bereits gezeigt, dass er ein Spiel von der Sechs aus kontrollieren kann. Er kann das Tempo verändern, Seiten verlagern, Pressinglinien überspielen und mit seiner Passqualität den Aufbau stabilisieren. Bayern beschreibt ihn seit Jahren als zentralen Taktgeber, während seine Karriere längst von einer enormen Zahl an Spielen und Titeln geprägt ist.
Unter Klopp könnte nun die nächste Entwicklungsstufe folgen. Nicht der Kimmich, der überall sein will. Sondern der Kimmich, der entscheidet, wo er gebraucht wird. Das ist ein kleiner Unterschied auf dem Papier. Auf dem Fußballplatz ist es ein gewaltiger.
Denn wenn Kimmich ein paar Meter höher steht, muss er nicht weniger Verantwortung übernehmen. Er übernimmt eine andere. Wenn er einen Ball nicht fordert, bedeutet das nicht automatisch Passivität. Es kann bedeuten, dass er einen Raum freilässt, damit jemand anderes ihn besetzt. Wenn er eine Ecke abgibt, verliert Deutschland keinen Anführer. Deutschland bekommt vielleicht einen zusätzlichen Spieler für den zweiten Ball. Und wenn Kimmich nicht mehr jeden Angriff selbst anschieben muss, können andere Spieler ihre eigenen Entscheidungen treffen. Genau das könnte für die deutsche Nationalmannschaft unter Jürgen Klopp entscheidend werden, denn Kimmich soll nicht weniger wichtig werden!
DFB-Team: Die nächsten Spiele von Deutschland im Überblick
Serbien
Deutschland
Nations League 2026/27: Die aktuelle Tabelle
Gruppe 2
| Nationalmannschaft | Sp. | S | U | N | Tore | Diff. | Pkt. | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 |
Griechenland
|
2 | 2 | 0 | 0 | 3:1 | +2 | 6 |
| 2 |
Niederlande
|
2 | 1 | 1 | 0 | 3:2 | +1 | 4 |
| 3 |
Deutschland
|
2 | 0 | 1 | 1 | 1:2 | -1 | 1 |
| 4 |
Serbien
|
2 | 0 | 0 | 2 | 2:4 | -2 | 0 |

