Die goldenen Zeiten des italienischen Fußballs liegen noch nicht lange zurück, und doch schien die „Squadra Azzurra“ zuletzt weit von ihrer früheren Klasse entfernt. Vier Weltmeistertitel, zwei Europameisterschaften und eine lange Reihe legendärer Spieler prägten das internationale Bild des Landes. Doch nach dem Europameistertitel 2021 folgte der Absturz. Die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 fanden ohne Italien statt. Auch für die WM 2026 konnte man sich nicht qualifizieren: Nach Platz zwei in der Qualifikationsgruppe verlor Italien in den Playoffs gegen Bosnien und Herzegowina. Trainer Gennaro Gattuso trat anschließend zurück. Von einer Rückkehr zur Weltspitze konnte bei der A-Nationalmannschaft vorerst keine Rede sein. Nun soll eine neue Generation den italienischen Fußball zurück an die Weltspitze führen – die ersten Ausrufezeichen hat der Nachwuchs bereits gesetzt.
Der italienische Nachwuchs im Aufschwung
Italiens Jugendmannschaften liefern schon seit einigen Jahren hervorragende Ergebnisse ab. 2023 gewann die italienische U19 den Europameistertitel, den zweiten in der Geschichte des Verbands. Im Finale setzte sich die Mannschaft mit 1:0 gegen Portugal durch. 2024 folgte der nächste wichtige Schritt: Italien qualifizierte sich als erste europäische Nation für die U20-Weltmeisterschaft 2025. Möglich wurde dies durch einen 3:0-Erfolg gegen Nordirland bei der U19-Europameisterschaft.
Auch die U21 zeigt, dass Italien wieder über eine Vielzahl an Talenten verfügt. Bei der Europameisterschaft 2025 erreichte die Nachwuchsauswahl das Viertelfinale, erst Deutschland beendete das italienische Turnier mit einem 3:2 nach Verlängerung. Noch eindrucksvoller ist die Entwicklung der jüngeren Jahrgänge. Die U17 gewann 2024 erstmals die Europameisterschaft und verteidigte den Titel 2026. Im Finale 2026 besiegte Italien Belgien im Elfmeterschießen. Damit holte der italienische Nachwuchs innerhalb von drei Jahren zwei U17-Europameisterschaften.
Frisches Blut in der Nationalmannschaft
Auch die A-Nationalmannschaft beginnt inzwischen stärker von dieser positiven Entwicklung zu profitieren. Roberto Mancini, der Italien als Trainer 2021 zum Europameistertitel führte, übernahm im Sommer 2026 erneut die Nationalmannschaft. Mit Claudio Ranieri sicherte sich der Verband die pure Erfahrung auf der Position des technischen Direktors. Die neue Führung soll nicht nur kurzfristig bessere Ergebnisse liefern, sondern auch die Verbindung zwischen Nachwuchs und A-Team stärken.
Mancini setzte bei seinem ersten Kader bewusst auf eine Mischung aus Erfahrung und Jugend. Neun Spieler erhielten im September 2026 erstmals eine Berufung für die A-Nationalmannschaft. Darunter befinden sich perspektivisch hochinteressante Spieler wie Michael Kayode, Alessandro Romano oder Sebastiano Esposito. Das vielleicht interessanteste Gesicht dieser neuen Generation ist Francesco Pio Esposito. Der Angreifer verkörpert genau das, was Italien lange gefehlt hat: einen jungen, körperlich starken und technisch gut ausgebildeten Stürmer, der bereits bei Inter Mailand für Furore sorgen konnte.
Zwischen Aufbruch und alten Problemen
Trotz des positiven sportlichen Fortschritts, hat Italiens Fußball weiterhin große strukturelle Probleme. Neben veralteten Stadien und finanziellen Problemen zahlreicher Vereine, wird die Entwicklung vor allem durch die geringe Anzahl italienischer Nachwuchsspieler in der Serie A gebremst. Italien verfügt über erfolgreiche Jugendnationalmannschaften, doch viele ihrer besten Spieler erhalten im heimischen Profifußball zu spät die Chance, sich konstant auf hohem Niveau zu beweisen. Während deutsche, englische oder spanische Talente längst regelmäßig in ihren ersten Ligen spielen, verbringen italienische Nachwuchsspieler häufig noch Zeit im Jugendfußball oder müssen den Umweg über das Ausland nehmen.
Dadurch fehlen vielen jungen Akteuren die sportlichen Wettkampfbedingungen, die für den nächsten Entwicklungsschritt entscheidend sind. Der italienische Fußball steht somit vor einem paradoxen Problem: Er bildet wieder vielversprechende Talente aus, gibt ihnen aber noch zu selten die Bühne, auf der aus Talenten gestandene Profis werden können. Will Italien dauerhaft zur europäischen Spitze zurückkehren, muss sich deshalb nicht nur die Qualität der Nachwuchsarbeit verbessern, vor allem muss sich die Bereitschaft erhöhen, jungen Spielern tatsächlich zu vertrauen.
Italien wird deshalb vermutlich nicht einfach zu dem erfolgreichen Fußball zurückkehren, der das Land in den 1980er-, 1990er- und 2000er-Jahren prägte. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft sind dennoch gegeben. Italien besitzt weiterhin eine enorme Fußballbegeisterung, eine neue Generation talentierter Spieler und inzwischen auch einen Verband, der die heimische Nachwuchsarbeit stärker koordinieren und modernisieren will. Die Erfolge der U17, U19 und U21 zeigen, dass der eingeschlagene Weg funktionieren kann.
Die Nations League als Chance für eine ganze Nation
Die vergangenen Jahre haben tiefe Spuren im Land hinterlassen. Nach dem Europameistertitel 2021 schien Italien wieder dort angekommen zu sein, wo es sich selbst am liebsten sieht: auf der großen europäischen Fußballbühne. Doch auf den Triumph von Wembley folgte Ernüchterung. Die Weltmeisterschaften 2022 und 2026 fanden ohne die Azzurri statt. Was zunächst wie eine sportliche Krise wirkte, entwickelte sich zunehmend zu einer grundsätzlichen Debatte über die Zukunft des italienischen Fußballs.
Dennoch braucht Italien keinen Beweis dafür, dass es noch immer eine große Fußballnation ist. Die sportliche Historie des Landes spricht für sich. Was fehlt, ist der Beweis, dass diese Geschichte fortgesetzt werden kann. Die Nations League bietet die erste große Gelegenheit dazu. Eine neue Mannschaft, junge Spieler, ein Trainer, der bereits bewiesen hat, dass er Italien aus einer Krise führen kann – und eine Nation, die darauf wartet, wieder einen Grund zum Feiern zu bekommen. Ob tatsächlich eine neue goldene Generation entsteht, wird sich erst in einigen Jahren zeigen, die ersten Zeichen einer Wende hin zum Positiven sind bereits sichtbar.
Italien, Nations League: Die aktuelle Tabelle
Nations League A – Gruppe 1
| # | Mannschaft | Sp. | S | U | N | Tore | Diff. | Pkt. |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 |
Frankreich
|
4 | 3 | 1 | 0 | 7:2 | +5 | 10 |
| 2 |
Italien
|
4 | 2 | 1 | 1 | 8:5 | +3 | 7 |
| 3 |
Belgien
|
4 | 2 | 0 | 2 | 6:5 | +1 | 6 |
| 4 |
Türkei
|
4 | 0 | 0 | 4 | 2:11 | -9 | 0 |
Italiens WM- und EM-Bilanz seit 2004
| Jahr | Turnier | Austragung | Ergebnis Italien |
|---|---|---|---|
| 2004 | EM | Portugal | Vorrundenaus |
| 2006 | WM | Deutschland | Weltmeister |
| 2008 | EM | Österreich / Schweiz | Viertelfinale |
| 2010 | WM | Südafrika | Vorrundenaus |
| 2012 | EM | Polen / Ukraine | Vize-Europameister |
| 2014 | WM | Brasilien | Vorrundenaus |
| 2016 | EM | Frankreich | Viertelfinale |
| 2018 | WM | Russland | Nicht qualifiziert |
| 2020 | EM | Europaweit | Europameister |
| 2022 | WM | Katar | Nicht qualifiziert |
| 2024 | EM | Deutschland | Achtelfinale |
| 2026 | WM | Kanada / Mexiko / USA | Nicht qualifiziert |
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