Was geschah eigentlich heute (10.09.) im Jahr…

Hansa Rostock gegen SSV Ulm – Szene mit roter Karte

…1999?

Es ist einer dieser Abende, an denen ein Fußballspiel irgendwann seine eigene Geschichte schreibt. Eigentlich geht es an diesem Freitagabend im Ostseestadion nur um drei Punkte. Hansa Rostock empfängt den Aufsteiger SSV Ulm 1846 zum vierten Spieltag der Bundesliga-Saison 1999/2000. 20.000 Zuschauer sind dabei. 90 Minuten später spricht kaum noch jemand über ein gewöhnliches Bundesligaspiel.

Stattdessen geht es um vier rote Karten, zwei Trainer auf der Tribüne, einen spektakulären Ausgleich in Unterzahl, einen späten Siegtreffer – und einen Ulmer Spieler, der nach dem Schlusspfiff wütend „Skandal!“ in eine Fernsehkamera ruft. Es ist ein Spiel, das bis heute Bundesliga-Geschichte geschrieben hat. Vier Platzverweise gegen eine Mannschaft – mehr hat es in der Bundesliga nie gegeben.

Ein klassischer Fehlstart des Aufsteigers

Der SSV Ulm war gerade erst in die Bundesliga aufgestiegen. Der kleine Verein aus Schwaben hatte in der Vorsaison sensationell den Durchmarsch geschafft und stand nun vor der größten Herausforderung seiner Vereinsgeschichte. Trainer Martin Andermatt wollte sich in Rostock keineswegs verstecken. Seine Aufstellung überraschte sogar die eigenen Spieler: Gleich vier Angreifer standen auf dem Platz.

Schon nach fünf Minuten schlug es im Ulmer Tor ein. Kai Oswald brachte Hansa Rostock mit 1:0 in Führung. Vorausgegangen war ein Fehler von Sascha Rösler. Die Gastgeber hatten danach zunehmend das Spiel im Griff, während die Ulmer Schwierigkeiten bekamen, die schnellen Rostocker Angriffe zu stoppen. Immer wieder griffen die Gäste zu Fouls. Und irgendwann begann Herbert Fandel, die Karten zu ziehen.

Der erste Platzverweis Sekunden vor der Pause

Kurz vor dem Halbzeitpfiff eskalierte die Situation erstmals. Hans van de Haar, bereits verwarnt, ging an der Mittellinie zu energisch in einen Zweikampf. Fandel zeigte ihm die zweite Gelbe Karte – und damit Gelb-Rot. Ulm spielte fortan nur noch mit zehn Mann. Die Rostocker gingen mit einer 1:0-Führung und einem Mann mehr in die Kabine. Für Ulm sah zu diesem Zeitpunkt alles nach einer bitteren Niederlage aus. Doch das eigentliche Drama begann erst nach dem Seitenwechsel.

Nach einer Stunde musste der nächste Ulmer vom Feld. Auch Uwe Grauer war bereits verwarnt. Nach einem weiteren Foul zeigte ihm Fandel erneut Gelb und somit Gelb-Rot. Neun Ulmer gegen elf Rostocker. Spätestens jetzt schien die Partie entschieden. Die Stimmung wurde immer aggressiver. Die Ulmer haderten mit den Entscheidungen des Schiedsrichters, die Rostocker konnten ihre zahlenmäßige Überlegenheit zunächst nicht in Tore ummünzen.

In der Schlussphase überschlagen sich die Ereignisse

Nur kurze Zeit später flog der nächste Ulmer: Evans Wise war erst wenige Minuten zuvor eingewechselt worden. In der 77. Minute beging er ein grobes Foulspiel. Fandel zögerte nicht. Rot. Ulm war nur noch zu acht. Auf der Rostocker Seite konnte man nun eigentlich entspannt dem Schlusspfiff entgegenblicken. Drei Spieler mehr standen auf dem Platz. Alles sprach für Hansa.

Doch die Gastgeber machten es sich selbst schwer. Die Ulmer schlugen die Bälle nur noch weit nach vorne und hofften auf eine Standardsituation. Dann kam sie: Freistoß für Ulm, rund 25 Meter vom Rostocker Tor entfernt. Janusz Góra legte sich den Ball zurecht. Góra trat an und traf zum umjubelten Ausgleich für die Ulmer. Ulm hatte mit acht Spielern tatsächlich noch den Ausgleich geschafft. Während die Ulmer auf dem Platz ums pure Überleben kämpften, war auch neben dem Spielfeld längst jede Menge passiert. Trainer Martin Andermatt musste auf die Tribüne. Auch Ulms Manager Erich Steer wurde später dorthin geschickt. Beide hatten sich über Entscheidungen des Schiedsrichters beziehungsweise der Unparteiischen beschwert.

Agali beendet den Ulmer Traum

Hansa Rostock wollte den Ball weiterhin nicht blind in den Sechzehner schlagen. Mit jeder vergangenen Minute der insgesamt elf Minuten Nachspielzeit, drängten die Gastgeber mehr und mehr auf den Sieg. Schließlich kam es wie es kommen musste für die Ulmer. Peter Wibrån setzte sich durch und brachte den Ball in Richtung Tor. Victor Agali stand richtig und traf zum 2:1 für die Hanseaten.

Die Hoffnung der Ulmer war zerstört. Doch selbst damit war der Wahnsinn noch nicht vorbei. In der Nachspielzeit sah János Radoki die vierte rote Karte des Abends. Er stoppte Radwan Yasser als letzter Mann und wurde wegen einer Notbremse des Feldes verwiesen. Damit standen am Ende nur noch sieben Ulmer Spieler auf dem Rasen.Vier Platzverweise für eine Mannschaft, zwei Gelb-Rote Karten und zwei direkte Rote Karten.

Nach dem Schlusspfiff entlud sich die Wut bei den Gästen. Janusz Góra, der wenige Minuten zuvor noch mit seinem Freistoß den sensationellen Ausgleich erzielt hatte, war außer sich. Vor laufenden Kameras brüllte der Ulmer: „Skandal!“. Diese Szene sollte Kultstatus erreichen und taucht selbst gegenwärtig noch in jeglichen Bundesliga-Rückblicken auf. Schiedsrichter Herbert Fandel pocht dagegen naturgemäß bis heute auf die Richtigkeit seiner Entscheidungen.

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