Hertha BSC ist zurück: Aus Enttäuschung wird plötzlich Aufstiegshoffnung

Hertha BSC feiert gemeinsam den Sieg und die starke Saison in der 2. Bundesliga

Berlin hat endgültig genug von großen Namen, großen Versprechen und großen Enttäuschungen. Nach einer Saison, in der Hertha BSC den selbst ausgerufenen Aufstieg deutlich verfehlte, sollte im Sommer vieles anders werden. Der Kader wurde radikal verändert, Leistungsträger verließen den Verein, und plötzlich war von einem Neustart die Rede. Einige Fans waren skeptisch, nur drei Spieltage später ist die Stimmung eine andere.

Hertha ist Tabellenzweiter, hat alle drei Saisonspiele gewonnen und dabei zehn Tore erzielt. Auf den 1:0-Auswärtssieg beim VfL Bochum folgte ein überzeugendes 4:1 gegen den Bundesliga-Absteiger 1. FC Heidenheim. Zuletzt drehten die Berliner einen 0:2-Rückstand bei Eintracht Braunschweig in einen spektakulären 5:3-Erfolg. Ausgerechnet nach dem vielleicht radikalsten Umbruch der vergangenen Jahre wirkt Hertha plötzlich wie eine eingeschworene Truppe, die so bereits seit Jahren zusammenspielt.

Die Hertha zieht die Konsequenzen aus der vergangenen Spielzeit

Die vergangene Saison sollte eigentlich die Rückkehr in die Bundesliga bringen, stattdessen blieb Hertha erneut in der 2. Bundesliga hängen. Das Saisonziel wurde klar verfehlt, obwohl die Mannschaft phasenweise zeigte, dass sie durchaus über die Qualität für den Aufstieg verfügt.
Das Problem war oftmals weniger das fehlende individuelle Talent als die fehlende Konstanz. Hertha bekam die eigenen Ansprüche zu selten auf den Platz. Der Abstand zwischen Anspruch und Realität wurde im Saisonverlauf immer größer.

Die Konsequenz war ein radikaler Schnitt. Rund 15 Spieler verließen den Verein, darunter mit Fabian Reese, Kennet Eichhorn, Tjark Ernst und Michael Cuisance mehrere Spieler, die in der vergangenen Saison eine tragende Rolle gespielt hatten. Gleichzeitig kamen nur wenige neue Spieler hinzu. Anstatt den nächsten teuren Kader zusammenzustellen, entschied sich Hertha für einen Neustart mit einer deutlich veränderten Hierarchie.

Der vielleicht auffälligste Unterschied zur vergangenen Saison ist nicht einmal taktischer Natur. Es ist die Atmosphäre. Hertha wirkt homogener. Spieler übernehmen Verantwortung, auch wenn es schwierig wird. Gegen Braunschweig lag die Mannschaft nach einer knappen halben Stunde mit zwei Toren zurück und gewann am Ende trotzdem mit 5:3. Innerhalb von fünf Minuten vor der Pause gelang der Ausgleich, anschließend übernahm Berlin das Spiel. Solche Comebacks sind nicht alltäglich, sie sind ein Zeichen für eine Mannschaft, die an sich glaubt.

Der Abgang des Superstars als neue Chance für den Hauptstadtclub

Ausgerechnet der Verlust von Fabian Reese, dem jahrelang wohl besten Spieler der zweiten Liga, könnte dabei helfen. Natürlich wäre es falsch, den Abgang von Fabian Reese kleinzureden. Der Flügelangreifer gehörte zu den wichtigsten Spielern der vergangenen Jahre und wechselte im Sommer zum VfL Wolfsburg. Doch genau dieser Verlust könnte Hertha zu einer Entwicklung gezwungen haben, die bereits länger notwendig war. Die Mannschaft kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass ein einzelner Spieler ein Spiel entscheidet. Stattdessen müssen mehrere Spieler Verantwortung übernehmen. Die Hertha ist dadurch insgesamt deutlich schwerer auszurechnen geworden.

Trainer Stefan Leitl hat offenbar eine Gruppe geformt, die weniger von einzelnen Stars und stärker vom Kollektiv lebt. Besonders auffällig ist die Intensität, mit der Hertha inzwischen gegen den Ball arbeitet. Gegen Heidenheim setzte die Mannschaft den Gegner früh unter Druck und belohnte sich mit drei Toren innerhalb der ersten 36 Minuten. Der fußballerische Ansatz der Hertha scheint sich basal verändert zu haben: weniger abhängig von individuellen Geistesblitzen, mehr geprägt von Dynamik, Pressing und gegenseitiger Unterstützung.

Der jüngste 5:3-Erfolg in Braunschweig offenbarte allerdings auch die Kehrseite.Wer hoch presst und aggressiv spielt, hinterlässt Räume. Und wer wie Hertha in dieser Saison offensiv mutiger auftritt, muss akzeptieren, dass nicht jedes Spiel kontrolliert gewonnen werden kann. Der nächste Entwicklungsschritt muss deshalb darin bestehen, neben den neu gewonnenen offensiven Impulsen auch für defensive Stabilität zu sorgen.

In dieser Saison ist ernsthaft mit der Hertha zu rechnen

Die Tabelle liefert nach drei Spieltagen eine klare Antwort: Hertha gehört zu den Aufstiegskandidaten. Aber sie liefert noch keine Antwort darauf, ob Hertha tatsächlich aufsteigen wird. Die 2. Bundesliga ist traditionell eine Liga, in der ein guter Start viel wert sein kann, aber eine schlechte Phase eine Mannschaft ebenso schnell wieder zurückwirft – die stärkste, ausgeglichenste zweite Liga Europas eben.

In dieser Saison kommt hinzu, dass mit dem VfL Wolfsburg, dem FC St. Pauli und dem 1. FC Heidenheim mehrere Mannschaften mit Bundesliga-Erfahrung beziehungsweise hohen Ambitionen im Rennen sind. Auch Nürnberg, Kaiserslautern, Bochum und Kiel wurden vor der Saison als Kandidaten für die oberen Plätze gehandelt. Im „Haifischbecken“ 2. Liga haben die Berliner augenblicklich das Momentum auf ihrer Seite.

Neun Punkte aus drei Spielen, zehn erzielte Tore und ein Sieg nach Rückstand sind genau die Ergebnisse, die einer Mannschaft eine enorme Energie bzw. Euphorie geben. Diese zwei Aspekte können in einer langen Zweitliga-Saison einen erheblichen Unterschied machen. Die wichtigste Frage für Hertha lautet deshalb nicht, ob die Mannschaft guten Fußball spielen kann. Das hat sie bereits gezeigt. Die Frage lautet: Kann sie diesen Fußball über 34 Spieltage zeigen? Cheftrainer Leitl versucht deshalb, die Mannschaft auf dem Boden zu halten. Nach dem Sieg in Braunschweig betonte der Trainer die Bedeutung von Demut und hob vor allem den Charakter seiner Spieler hervor. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Die Hertha muss in dieser Saison nicht beweisen, dass sie ein großer Verein ist. Das weiß in Berlin und deutschlandweit jeder. Sie muss nachhaltig beweisen, dass sie wieder eine funktionierende Fußballmannschaft ist.

2. Bundesliga: Die aktuelle Tabelle

Pl. Team Sp. S U N Tore Diff. Punkte
1 1. FC Nürnberg 3 3 0 0 11:3 +8 9
2 Hertha BSC 3 3 0 0 10:4 +6 9
3 VfL Wolfsburg 3 2 1 0 6:2 +4 7
4 1. FC Heidenheim 1846 3 2 0 1 10:10 0 6
5 1. FC Magdeburg 3 2 0 1 6:6 0 6
6 1. FC Kaiserslautern 3 1 2 0 2:1 +1 5
7 SpVgg Greuther Fürth 3 1 1 1 7:8 -1 4
8 Karlsruher SC 3 1 1 1 4:6 -2 4
9 Eintracht Braunschweig 3 1 0 2 9:7 +2 3
10 Arminia Bielefeld 3 1 0 2 5:6 -1 3
11 VfL Bochum 3 1 0 2 1:2 -1 3
12 Energie Cottbus 3 1 0 2 6:8 -2 3
13 Hannover 96 3 1 0 2 2:4 -2 3
14 VfL Osnabrück 3 1 0 2 4:7 -3 3
15 Dynamo Dresden 3 1 0 2 4:8 -4 3
16 FC St. Pauli 3 0 2 1 4:5 -1 2
17 Holstein Kiel 3 0 2 1 4:6 -2 2
18 SV Darmstadt 98 3 0 1 2 2:4 -2 1
Direkter Aufstieg
Aufstiegsrelegation
Abstiegsrelegation
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